Hamburg: Was diese Frau vor ihrer Wohnung sieht, stimmt sie traurig – „Wegsehen?“

Was eine Frau in Hamburg von ihrem Balkon aus sieht, deprimiert sie.
Was eine Frau in Hamburg von ihrem Balkon aus sieht, deprimiert sie.
Foto: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Was in ihrer Nachbarschaft passiert, stört eine Frau aus Hamburg-Wandsbek sehr. Sie hat in einer öffentlichen Gruppe bei Facebook zwei Bilder geteilt, aufgenommen auf ihrem Balkon, wie sie schreibt. Auf einem der beiden Fotos ist ein großer Nadelbaum zu sehen, der gefällt am Boden liegt. Neben ihrem Haus sei eine Ladenzeile abgerissen worden, jetzt komme dort eine Häuserreihe hin, schreibt die Frau.

„Ich bin ehrlich gesagt geschockt, dass diese wunderschönen Bäume gefällt werden.“ Gerade sei Baum Nummer zwei dran. Sie mache das „extrem traurig“. „Da kommt der Mensch daher und zack....weg“. Von den anderen in der Hamburg-Gruppe will die Frau wissen: „Was würdet Ihr machen? Wegsehen?“

Hamburg: Das Thema treibt viele um

Der Beitrag hat etliche Reaktionen ausgelöst. Er rührt an den grundsätzlichen Fragen: Wie können wir bauen und wohnen, dass Bäume erhalten bleiben oder nachgepflanzt werden? Wie grün will und kann Hamburg sein? Fragen, die viele in der Hansestadt umtreiben.

„Also ich habe kein Bock in einer Stadt zu leben, wo es keine Bäume und Grünflächen gibt“, heißt es in einem Kommentar. „Jeder will ein Eigenheim. Dafür müssen dann eben Grünflächen dran glauben“, in einem anderen. Ein Dritter wiederum findet: „Großstadt, Zuzug – völlig normal.“

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Wie steht es um die Bäume in Hamburg?

Hamburg hat die meisten Straßenbäume

Hamburg gilt als grüne Stadt. Unter den deutschen Großstädten hat Hamburg mit 132 die meisten Straßenbäume pro 1.000 Einwohner. Laut einer Aufstellung des Online-Reiseportals Travelbird aus dem Jahr 2018 belegte Hamburg weltweit sogar Rang 9. Die Hansestadt schaffte es damit unter die Top Ten der grünsten Städte.

Hier ein paar weitere Zahlen:

  • In Hamburg gibt es etwa 225.000 Straßenbäume, geschätzt 600.000 Bäume in Parks und Grünanlagen sowie etwa sechs Millionen Bäume in den Wäldern.
  • Auf privaten Grundstücken stehen eine Million Bäume.
  • An Hamburgs Straßen wachsen mehr als 300 verschiedene Baumarten.
  • Die fünf häufigsten Baumarten an den Straßen sind: Linden, Eichen, Ahorn, Hainbuchen und Platanen.
  • Es gibt allein an den Hamburger Straßen rund 250 Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume, dazu noch einmal 325 Walnussbäume.

Doch nur weil es vergleichsweise viele Bäume gibt, heißt das nicht automatisch, dass es den Bäumen in Hamburg gut geht. Und es heißt auch nicht, dass Hamburgs Baumpolitik keine Probleme kennt.

Denn nicht nur Bäume wachsen in Hamburg, auch die Bevölkerung und mit ihr der Wohnraum und die Verkehrswege.

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„Stürme und Hitze, Trockenheit und Baumkrankheiten, Straßenbau und die wachsende Stadt bedeuten Stress und gefährden viele unserer rund 224.000 Straßenbäume“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). Es sind die großen Herausforderungen, vor denen Hamburg baumpolitisch steht. Die aktuelle Baumbilanz zeigt, wie die Stadt all das meistert.

Hamburg: Mehr nachgefplanzt als gefällt

Der Verlust an Straßenbäumen in Hamburg ist gemäß Baumbilanz gestoppt. Im vergangenen Jahr seien nach einer vorläufigen Prognose 1879 Bäume gefällt und 2055 nachgepflanzt worden, so Kerstan.

Schon im Jahr davor habe das Defizit nur noch 20 Straßenbäume betragen. Im Jahr 2010, vor seinem Amtsantritt, sei die Zahl der Straßenbäume noch um 1.993 gesunken. Allerdings waren auch im Jahr 2015 noch 1.341 mehr Bäume gefällt als nachgepflanzt worden – Kerstan ist seit April 2015 Umweltsenator. Und auch in den folgenden Jahren belief sich das Nachpflanzdefizit auf jeweils rund 700 Bäume.

Nachpflanzungsquote in Hamburg

Fürs Erste ist der Verlust von Straßenbäumen also gestoppt. Ein Erfolg für den Umweltsenator: „Bäume sorgen für Lebensqualität in der Stadt. Sie bieten Lebensraum für Tiere, spenden Schatten und speichern CO2.“

Damit die Straßenbäume künftig nicht mehr ab- sondern tendenziell zunehmen, fordert Sandro Kappe, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, schon seit Längerem eine Nachpflanzungsquote. Sein Vorbild: Wandsbek. Dort muss bei gefällten Straßenbäumen 1:1,5 nachgepflanzt werden. Dieselbe Quote gilt in Bergedorf. In Hamburg-Nord muss 1:1 nachgepflanzt werden.

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In den Bezirksämtern Hamburg-Mitte, Altona, Eimsbüttel und Harburg hingegen gibt es keine festen Nachpflanzungsquoten. Eine Quote wie in Wandsbek sei für ganz Hamburg „nur schwer umsetzbar“ lautete die Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage von Kappe im November. Bereits jetzt sei die Suche nach neuen Pflanzstandorten herausfordernd, so der Senat.

Hamburg: Wälder und Parks entwickeln sich gut

Nicht nur zu den Straßenbäumen, auch zu Wäldern und Parks hat sich der Umweltsenator in seiner Bilanz geäußert. Laut Kerstan entwickeln sich die Hamburger Wälder gut. Deren Holzmasse habe von 2009 bis 2019 um 30 Prozent zugenommen. Das Gleiche gelte für die Parks.

Er sei darum froh, „zumindest ein Stück weit Entwarnung zu geben“. Gute Nachrichten hatte Kerstan auch für die letzten 2000 Hamburger Ulmen. Diese hätten durch eine Impfung vor einer Käferart gerettet werden können.

Schlecht steht es hingegen um die Rosskastanie. „Wenn es nicht doch noch ein Wunder gibt und wir irgendein Mittel finden, dann werden wir wahrscheinlich die verbleibenden 6000 Kastanien, die wir in der Stadt noch haben, verlieren“, so Kerstan.

Seit mehr als zehn Jahren befalle die Rindenkrankheit Pseudomonas die Rosskastanie. Dagegen gebe es kein Gegenmittel. Wegen des unaufhaltsamen Sterbens der Bäume würden auch keine Kastanien mehr nachgepflanzt.

Hamburg: Kaum Zahlen zu privaten Fällungen

Von Seiten der Umweltverbände kommt seit Längerem Kritik an der Baumpolitik des Senats. Der „Bund“ weißt daraufhin, dass Bäume auf öffentlichen Flächen das eine seien.

Schwieriger sei es, den Bestand auf Privatflächen abzuschätzen. „Aber fest steht, dass auch hier jedes Jahr ein Nettoverlust an Bäumen auftritt“, so der Umweltverband.

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Auch bei Privatgrundstücken können Nachpflanzungen vorgeschrieben sein und ab einem bestimmten Stammumfang braucht es eine Fällgenehmigung, wie die Umweltbehörde auf Anfrage mitteilt. Wenn jemand einen Baum auf Privatgrund fällen möchte, empfiehlt Sprecher Jan Dube, „in jedem Fall“ vorab das Bezirksamt zu kontaktieren.

„Wenn wir Hinweise zu verbotenen Fällungen erhalten, gehen wir diesen nach. Hierzu führen wir allerdings keine Statistiken“, heißt es auf Anfrage von MOIN.DE beim Bezirksamt Wandsbek.

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Auch was den privaten Baumbestand angeht, ist die Datenlage sehr dünn. Wie eine Anfrage von Christin Christ, Mitglied der CDU-Bezirksfraktion Wandsbek, aus dem Sommer 2020 zeigt, liegen dem Bezirk keine Zahlen zu Fällungen und Nachpflanzungen auf Privatgrund vor. (kbm)